Dieses Essay habe ich Anfang 2000 verfasst. Der Kurs der Bayer Aktie liegt inzwischen über 100 Euro. Aber die Gedanken erscheinen mir immer noch aktuell.


Demokratie im Unternehmen - ein Traum?

Shareholder Value und Machiavellistischer Absolutismus

 

Eine Art Menschenhandel?

Fast jeden Tag stößt man beim Lesen des Wirtschaftsteils der Zeitung auf Unwörter wie Portfoliomanagement, Aquisition, Desinvestition, und Rekonstruier­ung. Und zwar im Zusammenhang mit dem Kauf oder Verkauf von Unternehmen oder Tei­len davon.

Offensichtlich will man durch diese Imponierbegriffe verschleiern, dass es sich dabei nicht nur um den Verkauf von Gebäuden und Maschinen; sondern von Men­schen handelt!

In geradezu menschenverachtender Weise sprechen manche Konzern-Vorstände davon, Ihre Töchter zu verkaufen bzw. -als non plus ultra- zu versteigern.

Mit Recht hat Ex-Bundeskanzler Helmuth Schmidt vor einiger Zeit das Gebaren vieler deutscher Manager, Firmen wie Gebrauchtwagen zu verscherbeln, als gewissenlos bezeichnet.

 

Das Wir-Gefühl, der Motor des Erfolges

Napoleon hat erkannt, wie wichtig der Korpsgeist - das Wir-Gefühl - ist und es militärisch ausgedrückt: „Die Moral ist ¾ der Kampfkraft“.

Hochbezahlte Unternehmensberater versuchen herauszufinden, warum bei den mei­sten Mitarbeitern großer Firmen der Korpsgeist (heute mit dem Modewort „corporate identity“ bezeich­net) nicht mehr vorhanden ist.
Nach meiner Meinung ist das Vertrauen verloren gegangen. (Wie heißt der Slogan der Deutschen Bank so treffend: „Vertrauen ist die Basis von Allem“)
Jeder hat Angst, verkauft und dann wegrationalisiert zu werden! Bis hinauf zur zweithöchsten Management-Ebene weiß oft keiner, ob er im nächsten Monat über­haupt noch bei seiner alten Firma ist. Und ob es seine alte Firma dann überhaupt noch gibt!
Selbst wenn er nicht verkauft wird, wenn sich seine Firma nur mit einer anderen zusammenschließt (einen „merger“ durch eine freundliche oder feindliche Übernahme), ist dann plötzlich jeder Posten doppelt besetzt. Und er liest dann, dass die neue große Firma durch den Abbau von Tausenden von nun überflüssigen Stellen ihren Börsenwert erhöhen wird!

Ein Paradebeispiel für die systematische Zerstörung des Heimatgefühls in einer Firma war Hoechst: Herr Dormann hat es in kurzer Zeit geschafft, dass ein über 130 Jahre altes Wir-Gefühl („wir sind nicht bei Hoechst – wir sind Hoechst!“) völlig vernichtet wurde.

Unser Gehirn, ein Steinzeit-Modell

Der Umgang von Konzernen und Nationen untereinander ähnelt sich sehr stark: Man wird dabei recht deutlich an die Sandkastenspiele der Klein­sten oder an die Kämpfe von Eingeborenenstämmen erinnert! Nicht umsonst gibt es den Spruch: ”business is war”!

Unser „Protein-Computer“ (Gehirn) hat sich seit etwa 2 Millionen Jahren nicht mehr verändert. Vor etwa 10.000 Jahren ging die Steinzeit zu Ende. Das heißt, dass 99,5 % der bisherigen Anwendungszeit dieses Computer-Modells in der Steinzeit lagen. Dafür ist es konstruiert. Und die heutigen Menschen handeln immer noch wie die Neandertaler. Doch dies ist eine andere Geschichte!

 

Das Unternehmen- ein Staatsgebilde?

Wenn wir ein Unternehmen mit einem Staatsgebilde vergleichen, ergeben sich einige interessante Parallelen und Schlussfolgerungen für die Zukunft:

 

 

Staat   ==> Unternehmen

Staatsbürger  ==> Mitarbeiter

Fürst  ==> Unternehmenseigentümer (Aktionär)

Statthalter  ==> Geschäftsleitung

machiavellistischer Absolutis­mus   ==> shareholder value

Staatsliberalismus   ==> ==>???????

 

Viele Systeme sind selbstähnlich

Es ist durch die Forschungen des Mathematikers Benoit Mandelbrod bekannt, dass viele Systeme fraktale Ge­bilde sind. Das heißt, sie sind „selbstähn­lich“: Jedes System besteht aus mehreren - ihm selbstähnlichen - untergeordneten (Hypo-) Systemen. Es steht in Wechselwirkung zu weiteren anderen (Parallel-) Systemen und bildet mit die­sen wiederum ein überge­ordnetes (Hyper-) System usw.

Das klingt etwas abgehoben, heißt aber nichts anderes, als dass große Dinge aus klei­nen (ähnlichen) Dingen bestehen und dass diese großen Dinge wiederum die „kleinen“ Bestandteile von noch größeren Dingen sind.

Ein Haus besteht aus Wohnungen; eine Stadt besteht aus Häusern. Mehrere Städte bilden einen Städteverband. Mehrere Städteverbände ein Land usw.

Oder ein anderes Beispiel: Körperzellen organisieren sich zu Organen, Organe zu größe­ren Organismen und diese wiederum zu Verbänden usw.

 

Das Verblüffende ist, dass man oft von einem Fraktal auf das andere schließen kann: Bestimmte Mechanismen und Verhaltensweisen laufen auf allen Ebenen nach dem gleichen Muster ab.

 

Es ist deshalb naheliegend, eine wirtschaftliche (u.a. auch soziale) Organisation, wie z.B. einen Konzern, mit einer sozialen (u.a. auch wirtschaftlichen) Orga­nisation, wie den Staat zu vergleichen.

 

Erstaunlicherweise bezeichnen wir die innere Ordnung eines Kon­zerns als „policy, im Deutschen missverständlich mit Poli­tik übersetzt (z.B. Qualitäts- bzw. Umwelt-Politik“). „Politeia“, die inneren Ord­nung eines Gemeinwesens (polis = Stadt­staat) hat nichts mit dem zu tun, was die Bür­ger (griechisch „polites“) heute darunter verstehen.

 

Wem gehört der Staat?

Das Staatsverständnis war bis zum Aufkommen des Liberalismus über Jahrtau­sende so wie es Machiavelli formulierte: „..der Staat ist die Profitquelle des Für­sten“.

Der Fürst war sozusagen (einziger) „share-holder“ der Firma Staat, die ihm von Gottes Gnaden übergeben war und sich seit Generationen im Familienbesitz be­fand!

Vergleicht man dieses (aus der damaligen Sicht völlig normale) Verständnis („l‘etat c’est moi“) mit dem heutigen Verständnis der Firmen-Führer, so wird ei­nem mit Erschrecken klar, was kommen wird!

 


Demokratie im Unternehmen - ein Traum?

Kein Fürst hat es auch nur im Traum für möglich gehalten, dass

·        er - der rechtmäßige Inhaber und Besitzer - seine „Firma“ entschädigungslos an die „Beschäftigten“, d.h. die Staatsbürger verliert. Und einige der Fürsten haben nicht nur ihre Firma, sondern auch ihren Kopf verloren!

·        die Bürger - neben Grund und Boden – nicht zu den Produktionsmitteln (den „assets“) seiner „Firma“ gehören, sondern dass umgekehrt die einzige Aufgabe des Staates ist, den Bürgern ein Leben in Würde und Freiheit zu ermöglichen!

·        diese „tumben Toren“ (die straff geführt werden mussten, die nur ihren eigenen, kurzfristigen Vorteil im Auge hatten und denen der große Überblick und ein strategi­sches Denken völlig abging) seine „Firma“ nicht innerhalb kürzester Zeit in den Bankrott trei­ben und zerstören würden.

·        die „Erweiterung des Lebensraumes“ als Begründung und treibende Kraft für Erobe­rungen und Kolonialismus der absolutistischen Staaten heute keine Rolle mehr spielt. Ist das ständige Streben eines heutigen Unternehmens nach Umsatz- und Gewinnstei­gerung bzw. nach Größerwerden vielleicht auch ein Irrweg?

 

Gibt es einen Ausweg?

·        Gibt es einen Ausweg aus der Misere, wie mit den „Bürgern“ einer Firma um­gegan­gen wird? Gibt es nicht eine frappante Ähnlichkeit mit dem Fürsten, der - ohne irgend­welche Skrupel - einen Teil seines Landes mitsamt den darin lebenden Bür­gern ein­fach verkaufte, ohne sie überhaupt zu fragen? Weil das nicht ins „Kernge­schäft" passte. Sozusagen eine Art von "machiavellistisches Portfolio-Manage­ment"!

Steuben, Schurz und Hecker konnten ja nach Amerika auswandern, wenn ihnen das nicht passte. Im Vergleich zu den Leibeigenen ein paar Ge­nerationen zuvor war dies durchaus ein Fortschritt!

Und heute können die Beschäftigten einer Firma ja auch kündigen, wenn ih­nen diese absolu­tistische „leadership“ nicht passt.

·        Gibt es überhaupt ein „Amerika“ (im fraktalen Sinne)?

·        Wann wird es ein „Frankreich“ geben (ebenfalls im fraktalen Sinne)? Wann und unter welchen Vorbedingungen („warum essen sie keinen Kuchen, wenn sie kein Brot haben?“) entsteht die Revolution? Was ist das Hyper-Fraktal zu Brot? Kann man die ins Haus stehende (Re-)/(E)volution aufhalten?

Wenn man die Analogie „Unternehmen <> Staat” weiter gedanklich ausbaut könnte man geschichtliche Entwicklungen wie dieGeschichte der Vereinigten Staaten auch so darstellen:

Die Beschäftigten der Tochter-Gesellschaft “Amerika” des Englischen Königs haben mit der Boston Tea Party den Prozess der Übernahme der eigenen Firma durch die Arbeiter begonnen und dann 1783 ihre eigen Firma “USA” gegründet.
Makaber ist nur, dass diese “demokratisierte” Firma USA 1803 im sogenannten Louisiana-Purchase die Firma “Lousiana” samt allen Bewohnern (ohne diese zu fragen) von der ebenfalls “demokratisierten” Firma Frankreich übernahm. Aber Indianer waren damals nicht als rechtmäßige Besitzer ihres Landes anerkannt.

Warum kaufen die Beschäftigten ihre Firma nicht?

Eine der möglichen Lösungsansätze wäre die völlig legale Übernahme der Firma durch die Beschäftigten.

Wie könnte das gehen?

Nehmen wir den Bayer-Konzern als Beispiel. Das Aktienkapital der Muttergesellschaft ist auf etwa 730 Millionen Aktien verteilt. Derzeit gehört den Mitarbeitern etwa 2,1 % des Grundkapitals. Wenn die gesamte Belegschaft (etwa 125.000 Beschäftigte) 51% der Aktien (und damit das Sagen) übernehmen wollte, müsste jeder Beschäftigte etwa 3.000 Aktien kaufen.

Bei einem Kurs von 50 Euro wären das rund 145.000 Euro, die jeder Beschäftigte zu in­vestieren hat!

Zum Preis einer Eigentumswohnung wäre er dann ein wirklicher Mitbesitzer seiner Firma. Und kein Herr Dormann (oder wie er auch immer heißen würde) könnte ihn „ver­kaufen“ oder “feindlich übernehmen“.

Die Frage ist nur: Wie kann man 125.000 Leute motivieren, Geld aufzunehmen und in ihre eigene Firma zu investieren oder 25 Jahre lang etwa 15 % ihres Lohnes in Aktien der eigenen Firma anzulegen?

Und – wie bekommt der „Malocher“ es mental auf die Reihe, sozusagen „für sich selbst“ zu arbeiten? Und – welchen Sinn hat dann noch eine Gewerkschaft?

 

Eine neue Form der Selbstausbeutung oder „Nur die dümmsten Kälber...“

Statt dessen beteiligt sich der schlaue Mitarbeiter an einem Pensionsfonds, dessen Portfo­lio-Manager (im Interesse der Anleger) dann Druck auf seine Firmenleitung ausüben, durch Personalabbau den Gewinn zu erhöhen. Dadurch sichert der Investor zwar seine Pension, wird aber leider ar­beitslos!

Es ist zu befürchten, dass nach einer kurzen Zeit des Selbstbetruges („nach mir die Sintflut“) diese neue Form der Selbstausbeutung sich zwangsläufig zu einer „Resonanz-Katastrophe“ aufschaukelt.

Wobei wir wieder bei der Frage wären: Wie und wann entsteht die Revolution?

 

Dr. Helmuth Herterich

Kennen Sie vielleicht diesen Choral?

You don’t know what you got,
until it’s gone.

Cinderella

Störche und Geburten
Störche und Geburten.ppt.pps
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Haben Sie schon einmal über einen Imagefilm oder ein Animationsvideo nachgedacht?

 

Die Filmemacherin Anke Lanzon und ihre Firma Webfilm Berlin erstellen beeindruckende Unternehmensfilme für Webseiten.

 

Einfach mal `reinschauen:   

  http://www.webfilm-berlin.de/

Task Management
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Intelligenz und Fleiß
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Das gelungene, vollendete, erfüllte Leben ist eines, in dem wir in Einklang mit unsrer Natur das Beste aus unseren Möglichkeiten gemacht haben – selbstverständlich ohne den Mitmenschen zu schaden, ohne andere unglücklich zu machen.

 

Der Philosoph Bernulf Kanitscheider, Spektrum der Wissenschaft, Juli 2008

 

Des Menschen Tage sind wie Gras,
er blüht wie die Blume des Feldes.

Fährt der Wind darüber, ist sie dahin;
der Ort, wo sie stand, weiß von ihr nichts mehr.

 

Psalm 103

Es wäre doch möglich, dass einmal unsere Chemiker auf ein Mittel gerieten, unsere Luft plötzlich zu zersetzen, durch eine Art Ferment. So könnte die Welt untergehen.


Georg Christoph Lichtenberg

Letzte Worte des Indianerhäuptlings Crowfoot

Nur noch eine kurze Weile, dann bin ich von euch gegangen. Wohin, das kann ich euch nicht sagen. Wir kommen aus dem Nirgendwo, und wir gehen ins Nirgendwo. Was ist das Leben? Es ist der Lichtblitz eines Leuchtkäfers in der Nacht. Es ist der Atem eines Büffels im Winter. Es ist der kleine Schatten, der über das Gras huscht und sich im Sonnenuntergang verliert.

 

Crowfoot (um 1830 – 1890) Häuptling der Blackfoot-Indianer, 25. April 1890

 

Gespräch von Anno 33:

A: Wissen Sie schon das Neueste?

B: Nein, was ist passiert?

A: Die Welt ist erlöst!

B. Was Sie sagen!

A: Ja, der liebe Gott hat Menschengestalt angenommen und sich in Jerusalem hinrichten lassen: dadurch ist nun die Welt erlöst und der Teufel geprellt.

B: Ei, das ist ja ganz scharmant.

 

Arthur Schopenhauer

 

 

Damit wir beginnen können, dem Tod seinen größten Vorteil uns gegenüber zu entreißen, sollten wir eine vollkommen andere Einstellung einnehmen als die übliche; lasst uns den Tod seiner Fremdheit berauben; lasst uns Umgang mit ihm pflegen, damit wir uns an ihn gewöhnen, lasst uns ständig an ihn denken.

 

Michel de Montaigne